Probefahrt HD Road King Custom

Moderatoren: Moderatoren, Mod-Team Motorräder

Benutzeravatar
Stephan
Moderator Motorräder
Beiträge: 1563
Registriert: Fr 06.07.2001 12:00
Wohnort: Delémont/CH
Kontaktdaten:

Probefahrt HD Road King Custom

Beitragvon Stephan » Di 31.10.2006 09:22

Halo allerseits

Angespitzt durch meine Freundin und das schöne Herbstwetter habe ich mich mal mit der Marke Harley befasst. Mal wieder, denn vor vielen vielen Jahren war ich mal stolzer Besitzer einer Sportster 883.

Da ich in Zürich war, fand die Probefahrt dann auch dort und in der Umgebung statt.

Nun ist die Auswahl an Motorrädern bei Harley recht gross, und es gibt eigentlich nur wenige Modelle, die mir gefallen, nämlich nach wie vor die Sportster und die Road King Custom. Während die Sportster fast Aldi-Sonderangebote sind, muss man für die grossen satten 20 Kilo (Euros) hinlegen. Ein interessantes Motorrad ist noch die Dyna, die aufgrund der Fahrwerksgeometrie und Fussrastenanordnung sowas wie Fahrbarkeit erwarten lässt.

Da ich mit Bandscheibenproblemen die unbequeme aufrechte Sitzhaltung nicht so mag, war Komfort sehr wichtig. Also engte sich die Auswahl auf die Road King Serie ein, und da eine wunderschöne gelbe Road King Custom im Hof stand, war die Wahl dann schnell getroffen.

Hier mal ein Bild. Ich liebe diese Form, die mich an amerikanische Diesellokomotiven der 50er Jahre erinnert.

Bild

Nun denn. Das Gerät ist zunächst furchteinflössend lang, aber wenn man draufsitzt, ist alles nicht mehr so schlimm. Der riesige Lenker hilft enorm, auch wenn man manchmal glaubt, einen Balkenmäher vor sich her zu schieben.

Egal. Man lässt die Kupllung kommen, und siehe da, es bewegt sich und noch dazu dahin, wo es hingehen soll. Füsse auf die Fussrasten - schwups, wo sind die denn? Ach ja, da vorne. Der Verkäufer meinte das sei bequem, aber schon drei Blocks weiter weiss ich: Bequem ist anders.

Immerhin, man wurschtelt die Füsse auf die Trittbretter, es geht voran, man rollte locker mit 40-50 durch das radargespickte Zürich. Die Sonne lacht, der riesige Scheinwerfer spiegelt und der Motor blubbert leise vor sich hin. Nice.

Eigentlich könnte der Test schon hier aufhören, denn mehr wird nicht passieren. Man fährt bzw. gleitet mit dem Speed eines 125er Rolllers durch Stadt, Land und Autobahn, was man je nach Temperament als langweilig oder beruhigend empfinden wird.

Aber das wäre ja kein richtiger Test, wenn ich nicht noch ein wenig weiter fahren würde. Um aus Zürich herauszukommen, muss man über ein Stück Stadtautobahn. Ich sage es gleich, mehr als 110-120 bin ich nicht gefahren, 90-100 sind ideal, alles darüber zieht einem die Arme lang, auch wenn der Motor sicher mehr hergeben würde. Die ganze Fuhre ist, bis auf die Sitzposition, wirklich bequem, die Gabel sehr soft abgestimmt, und nur aus der Hinterhand kann man manchmal erahnen, welche Buckelauf der Strasse sind. Ich glaub gerne, dass man mit der Road King Tagestouren über 8 Stunden Fahrzeit realisieren kann. Man wird zwar nur halb so viele Kilometer machen wie mit jedem anderen Motorrad, aber die dafür doppelt so lang geniessen.

Landstrasse. Also für die Landstrasse ist die Road King wie gemacht, speziell für Schweizer Landstrassen, die oft schön breit sind und gut kontrolliert. Wie automatisch fällt man in den "Schweizer Rythmus", der etwa so geht: Ortsdurchfahrt 50, Landstrasse 75, Ortsdurchfahrt 40, Landstrasse 70, Ortsdurchfahrt 60, Landstrasse 60 und so weiter und so fort. Dafür ist die Roadking klasse, man kommt nicht mal mehr auf die Idee, überholen zu wollen. Elegant schwingt sie dahin, etwas losgelöst von allem drum rum. Das hat was, das sage ich jetzt ohne Ironie.

Wenn man etwas weiter von Zürich wegkommt, gibt es hübsche kleine Strässchen, und auch hier macht die Road King eine gute Figur, man darf es aber nicht eilig haben und sollte freundlicher Weise den von hinten drängelnden Mofafahrern Platz machen. Das Riesenschiff ist erstaunlich handlich und mühelos zu fahren, auch wenn die Kurvenradien oft grösser ausfallen als geplant. Aber auch hier: Der Blick bleibt frei für die Landschaft. Genuss pur. Welch ein erhabenes Gefühl muss das sein, mit diesem Teil morgens auf Tour zu gehen, irgenwo auf der Welt.

Schon gemerkt? Motor und Bremsen blieben unerwähnt. Das nicht ohne Grund, denn sie bleiben fast unauffällig und tun ihre Arbeit. Der Motor blubbert angenehm ruhig vor sich hin, nur im Leerlauf weiss man immer, wo welcher Kolben gerade hin will. Wenn man mal nach unten schaut, meint man der Motor wolle sich gleich aus der Verankerung lösen und irgendwo hinlaufen, so hoppelt er im Rahmen herum. Aber ok, who cares? Die Bremsen sind etwas gewöhnungsbedürftig, was aber mehr an der ungewohnten Radlastverteilung liegt. Wenn man vorne und hinten gleichzeitig bremst, verzögert die Fuhre auch. Aber in der Regel ist Bremsen gar nicht nötig, man rollt aus oder schaltet in Notfällen einfach runter. Es ist ja auch so: Da man so langsam ist, befinden sich alle anderen hinter einem und nicht vor einem, was freien Blick auf die Alpen gewährleistet und so das Fahrvergnügen deutlich stärkt.

Sehr schön ist die Road King bei kleinen Pausen. Ich werde noch Fotos nachreichen, hoffe ich, aber auf einem Parkplatz macht sie eine unvergleichlich gute Figur, knistert verheissungsvoll vor sich hin. Und, ich bin selbst erstaunt, lässt sich vergleichsweise einfach handhaben und rangieren.

Aber jetzt muss ich zurück. Leider habe ich mich verfahren und kreise nun seit einer Dreiviertelstunde durch die Zürcher Innenstadt. Ich sage ja immer, die Qualitäten eines Motorrads erschliessen sich nach einer Stunde Rushhour, und ich muss sagen, hier schlägt sie sich wacker. Geduldig umrunden wir Block für Block, bleiben stehen, fahren an, immer wieder. Die Kupplung ist herzhaft, aber brauchbar, der Motor überhaupt nicht zickig, nur die Vibrationen sind heftig. Ich denke besorgt an meine Kameraausrüstung und frage mich, ob sie einen Tagesausflug überstehen würde. Mich selbst stören die Vibrationen nicht, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass das ein oder andere Teil daran zerbröselt.

Nach zwei-einhalb Stunden bin ich zurück. Wenn man so sagen könnte: Wir sind Freunde geworden. So etwa nach dem Motto: Tu mir nix und ich tu Dir auch nix und dann haben wir eine gute Zeit, egal was kommt.

Rein rational gesehen, kann die Road King nichts, was ein 250er Roller nicht auch könnte, wenn man mal vom Schow-Effekt absieht. Ganz klar. Eine Tschibo-Uhr zeigt die Zeit genauso genau an wie eine Rolex.

Aber ein Motorrad muss auch ein wenig Phantasie transportieren. Mit einer GS hat man wenigstens das Gefühl, man könnte damit nach Patagonien fahren, auch wenn man es vielleicht nie tun wird. Und mit der Road King?

Mit der Road King an die Loire? Aber ja! Mit der Road King nach Paris? Sicher doch! Mit der Road King durch die Alpen? Gerne, aber bitte zwei Tage einplanen. Mit der Road King nach Portugal oder Sizilien? No Problem.

Ich muss meine Meinung revidieren. Dachte ich bisher, dass eine HD für Zahnärzte wäre, die mal nach Feierabend "Wilden Mann" spielen wollen, muss ich zumindest bei der Road King zugestehen, dass es sich um ein ungewöhnlich zeitgemässes Konzept handelt.

Die Amerikanisierung der Gesellschaft hat auch vor dem Verkehr nicht haltgemacht. Tempolimits und Kontrollen haben dafür gesorgt, dass wir durch die Gegend schleichen wie die Amis, so ist es auch nicht erstaunlich, dass das passende Motorradkonzept von dort importiert wird.

Egal. Am Ende ist immer entscheidend, was übrige bleibt. Das Teil hat was, ist bequem und macht Lust auf mehr. Von welchem Motorrad kann man das heute noch sagen?

Gruss

Stephan
In tiefer Trauer

Benutzeravatar
wingevil
freeMOF Champ
Beiträge: 3031
Registriert: Fr 06.07.2001 12:00
Wohnort: Terra

Re: Probefahrt HD Road King Custom

Beitragvon wingevil » Di 31.10.2006 10:30

Stephan hat geschrieben:Das Teil hat was, ist bequem und macht Lust auf mehr. Von welchem Motorrad kann man das heute noch sagen?


Von der GoldWing. Ernst gemeint.

HD und da speziell die Road King hätte ich schon sehr gerne. Ich darfs mal verraten, vor rd. 18 Monaten war ich mal ganz kurz davor, der HD-Händler glaubte, mich schon gefangen zu haben. Ich hab's mir dann doch verkniffen, weil's auch ein mächtiges Stück Kohle ist.
nil omne


PitB
freeMOF Champ
Beiträge: 4265
Registriert: Mo 09.07.2001 12:00
Wohnort: 8020 Graz

Beitragvon PitB » Di 31.10.2006 11:27

:shock: :shock: :shock: :shock: :shock: :shock: :shock: :shock:

U.we
Geselle
Beiträge: 500
Registriert: Mi 02.07.2003 10:03
Wohnort: 795xx LÖ

Beitragvon U.we » Di 31.10.2006 11:40

Hi Stephan,

den Berichtsstil finde ich super. Allerdings könnte die Road King doch etwas unhandlich auf der LGKS sein. :wink:

Das mit dem Dahingleiten hab ich auch schon kennen gelernt, frei nach dem Motto 'Stau ist nur hinten scheisse!'. Hat für mich alledings nichts mit 'Motorradfahren' zu tun. Aber wenns 'schee' macht.

Gruss,
Uwe

Benutzeravatar
Stephan
Moderator Motorräder
Beiträge: 1563
Registriert: Fr 06.07.2001 12:00
Wohnort: Delémont/CH
Kontaktdaten:

Beitragvon Stephan » Di 31.10.2006 12:00

Mir ist schon klar, dass man damit Schotter nicht fahren sollte, zumindest sollten keine grossen Kanten da sein.

Trotzdem, ich wüsste nicht, wo man damit nicht hin könnte. Und um mal einen anderen Vergleich heranzuziehen: Die K1200RS, obwohl natürlich ein ganz anderes Fahrzeug, ist in vielen praktischen Dingen vile unhandlicher.

Und obs scheee macht....? Weiss ich net. Ist auch nicht die Frage, sondern ob man scheee mit fahre kann. Und das kann man, man muss nur herkömmliche Massstäbe hinter sich lassen und bereit für was Neues sein.

Und mir fällt derzeit nix ein, was dem vom Komfort her nahe kommt. Mich würde aber mal interessieren, wie sich die entprechenden Japaner im Vergleich fahren.

Und a bisserl schön sollte es ja auch sein, oder?


PS: Apropos Preis:

Der Händler hat mit zuerst seinen Vorführer mit 11.500 km für 25500 sfr angeboten, aber eine halbe Stunde später schon für 23500.- Der Generationenwechsel beim Motor sorgt also für einen üppigen Wertverlust .

Das Drehmoment der neuen Generation steigt um 20% auf 12 mkg, und die leistung um 4 auf 78 PS. Neu kostet sie um die 30.000.- Franken.
In tiefer Trauer

U.we
Geselle
Beiträge: 500
Registriert: Mi 02.07.2003 10:03
Wohnort: 795xx LÖ

Beitragvon U.we » Di 31.10.2006 13:08

... man muss nur herkömmliche Massstäbe hinter sich lassen und bereit für was Neues sein.

So kann man es auch beschreiben. Hauptsache dir passt es, mein Ding wärs nicht.

Am Umbrail hab ich übrigens schon einige solcher Teile gesehen.


Gruss,
Uwe

Benutzeravatar
olliH
Rennmechaniker
Beiträge: 1281
Registriert: Do 19.06.2003 19:52
Wohnort: WW
Kontaktdaten:

Beitragvon olliH » Di 31.10.2006 14:15

Stephan,

zum Cruisen sind die Dinger Klasse, ich habe das in den USA schon 2 mal ausprobiert mit Road Kings inkl. Strandfahrten in Galveston am Golf von Mexiko.

Als einziges Motorrad wäre mir das nicht genug, aber als 2. Mopped sicherlich OK, wobei ich eher zu einer abgespeckten Fat Boy greifen würde!

Na ich bin ja mal gepannt zu was Du Dich entscheidest :D
Erfahrung ist das, was man zu haben glaubt, bevor man anfängt, mehr davon zu erwerben. Zitat Bernt Spiegel

Benutzeravatar
Detlev
Moderator Motorräder
Beiträge: 5591
Registriert: Do 05.07.2001 12:00
Wohnort: 24819 Schläfrig-Holzbein

Beitragvon Detlev » Di 31.10.2006 18:36

Ja, die RoadKing!
Ich habe mir 1995 so eine gekauft, noch mit dem alten Evo-Motor und 60 PS.
Hatte auch noch nicht die Lederlook-Packtaschen, sondern die zwar bieder aussehenden, aber weltbesten Kunststoff-Koffer der Welt. Ehrlich. Der Deckel ist oben, man kann sie super beladen bis in den letzten Winkel, den sie nicht haben, und sie sind absolut wasserdicht und wunderbar schmal am Fahrzeug.

Das Fahrwerk war damals wie heute eher für die gemütliche Art der Fortbewegung gedacht, die Federelemente ok, die Bremsen damals (Einkolbenschwimmsattel!) grottenschlecht.
Bequem war sie auch, selbst auf langen Strecken, die ich damit zurückgelegt habe, u.a. von hier im Norden zum Gardasee in einem Rutsch, oder bis zur Russischen Grenze im hintersten Polen in zwei Tagen, alles kein Problem.
Auch schnelles Touren war möglich, meine RoadKing hatte serienmäßig eine riesige Lexan-Windschutzscheibe, mit einem Handgriff abnehmbar, die völlig turbulenzfrei bis zur Höchstgeschwindigkeit war, damals nach Tacho immerhin 170km/h. Allerdings war das Fahrwerk mit der lenkerfesten Scheibe dann deutlich überfordert.
Leider bekam ich nach 4 Jahren in der Sitzposition Probleme mit den Lendenwirbeln, so dass ich doch besser mit nach vorn gebeugter Sitzhaltung fahre! Und den Füßen unterm Hintern, da kann man doch einige Stöße vom Rücken fernhalten!
Die Verarbeitung war ganz ordentlich, einige Schrauben hatten wohl transportbedingten Zinkfraß, der Lack war supergut. Kratzer oder stumpfe Stellen gab es in 4 Jahren und 45000km nicht!
Auch die Chromqualität war gut.
Meine RoadKing gehört zu den zuverlässigsten Motorrädern, die ich je hatte. In der ganzen Zeit hatte ich nur bei ca 35000km ein defektes Radlager, letztendlich ein Wartungsmangel meinerseits, da ich die Radlager schlichtweg im Service übersehen habe.
Die Maschine ist sehr leicht zu warten, alle 8000km Ölwechsel und Primärkettenspannungsprüfung, Ventile und Zündung bedürfen keiner Kontrolle, alle 16000km Getriebeöl, Primärtrieböl, Gabelöl und Radlagerwartung sowie neue Zündkerzen. Schrauben hat sie in der ganzen Zeit keine verloren, einzig ein Vibrationsriss im rechten Krümmer ging auf den 45° V2 zurück.
Ich habe die Harley gerne gefahren, Karen ist auch gerne darauf mitgefahren, auch auf langen Strecken sehr bequem!
Gekostet hat sie damals neu 30700DM, verkauft habe ich sie für 23000DM, der Wertverlust in den 4 Jahren hielt sich einigermaßen in Grenzen.
Gruß,
Detlev

Benutzeravatar
JvS
Geselle
Beiträge: 366
Registriert: Di 15.07.2003 22:46
Wohnort: am Fuße des Stilfser Jochs
Kontaktdaten:

Re: Probefahrt HD Road King Custom

Beitragvon JvS » Do 16.07.2015 11:37

Stephan hat geschrieben:Halo allerseits

Angespitzt durch meine Freundin und das schöne Herbstwetter habe ich mich mal mit der Marke Harley befasst. Mal wieder, denn vor vielen vielen Jahren war ich mal stolzer Besitzer einer Sportster 883.

Da ich in Zürich war, fand die Probefahrt dann auch dort und in der Umgebung statt.

Nun ist die Auswahl an Motorrädern bei Harley recht gross, und es gibt eigentlich nur wenige Modelle, die mir gefallen, nämlich nach wie vor die Sportster und die Road King Custom. Während die Sportster fast Aldi-Sonderangebote sind, muss man für die grossen satten 20 Kilo (Euros) hinlegen. Ein interessantes Motorrad ist noch die Dyna, die aufgrund der Fahrwerksgeometrie und Fussrastenanordnung sowas wie Fahrbarkeit erwarten lässt.

Da ich mit Bandscheibenproblemen die unbequeme aufrechte Sitzhaltung nicht so mag, war Komfort sehr wichtig. Also engte sich die Auswahl auf die Road King Serie ein, und da eine wunderschöne gelbe Road King Custom im Hof stand, war die Wahl dann schnell getroffen.

Hier mal ein Bild. Ich liebe diese Form, die mich an amerikanische Diesellokomotiven der 50er Jahre erinnert.

Bild

Nun denn. Das Gerät ist zunächst furchteinflössend lang, aber wenn man draufsitzt, ist alles nicht mehr so schlimm. Der riesige Lenker hilft enorm, auch wenn man manchmal glaubt, einen Balkenmäher vor sich her zu schieben.

Egal. Man lässt die Kupllung kommen, und siehe da, es bewegt sich und noch dazu dahin, wo es hingehen soll. Füsse auf die Fussrasten - schwups, wo sind die denn? Ach ja, da vorne. Der Verkäufer meinte das sei bequem, aber schon drei Blocks weiter weiss ich: Bequem ist anders.

Immerhin, man wurschtelt die Füsse auf die Trittbretter, es geht voran, man rollte locker mit 40-50 durch das radargespickte Zürich. Die Sonne lacht, der riesige Scheinwerfer spiegelt und der Motor blubbert leise vor sich hin. Nice.

Eigentlich könnte der Test schon hier aufhören, denn mehr wird nicht passieren. Man fährt bzw. gleitet mit dem Speed eines 125er Rolllers durch Stadt, Land und Autobahn, was man je nach Temperament als langweilig oder beruhigend empfinden wird.

Aber das wäre ja kein richtiger Test, wenn ich nicht noch ein wenig weiter fahren würde. Um aus Zürich herauszukommen, muss man über ein Stück Stadtautobahn. Ich sage es gleich, mehr als 110-120 bin ich nicht gefahren, 90-100 sind ideal, alles darüber zieht einem die Arme lang, auch wenn der Motor sicher mehr hergeben würde. Die ganze Fuhre ist, bis auf die Sitzposition, wirklich bequem, die Gabel sehr soft abgestimmt, und nur aus der Hinterhand kann man manchmal erahnen, welche Buckelauf der Strasse sind. Ich glaub gerne, dass man mit der Road King Tagestouren über 8 Stunden Fahrzeit realisieren kann. Man wird zwar nur halb so viele Kilometer machen wie mit jedem anderen Motorrad, aber die dafür doppelt so lang geniessen.

Landstrasse. Also für die Landstrasse ist die Road King wie gemacht, speziell für Schweizer Landstrassen, die oft schön breit sind und gut kontrolliert. Wie automatisch fällt man in den "Schweizer Rythmus", der etwa so geht: Ortsdurchfahrt 50, Landstrasse 75, Ortsdurchfahrt 40, Landstrasse 70, Ortsdurchfahrt 60, Landstrasse 60 und so weiter und so fort. Dafür ist die Roadking klasse, man kommt nicht mal mehr auf die Idee, überholen zu wollen. Elegant schwingt sie dahin, etwas losgelöst von allem drum rum. Das hat was, das sage ich jetzt ohne Ironie.

Wenn man etwas weiter von Zürich wegkommt, gibt es hübsche kleine Strässchen, und auch hier macht die Road King eine gute Figur, man darf es aber nicht eilig haben und sollte freundlicher Weise den von hinten drängelnden Mofafahrern Platz machen. Das Riesenschiff ist erstaunlich handlich und mühelos zu fahren, auch wenn die Kurvenradien oft grösser ausfallen als geplant. Aber auch hier: Der Blick bleibt frei für die Landschaft. Genuss pur. Welch ein erhabenes Gefühl muss das sein, mit diesem Teil morgens auf Tour zu gehen, irgenwo auf der Welt.

Schon gemerkt? Motor und Bremsen blieben unerwähnt. Das nicht ohne Grund, denn sie bleiben fast unauffällig und tun ihre Arbeit. Der Motor blubbert angenehm ruhig vor sich hin, nur im Leerlauf weiss man immer, wo welcher Kolben gerade hin will. Wenn man mal nach unten schaut, meint man der Motor wolle sich gleich aus der Verankerung lösen und irgendwo hinlaufen, so hoppelt er im Rahmen herum. Aber ok, who cares? Die Bremsen sind etwas gewöhnungsbedürftig, was aber mehr an der ungewohnten Radlastverteilung liegt. Wenn man vorne und hinten gleichzeitig bremst, verzögert die Fuhre auch. Aber in der Regel ist Bremsen gar nicht nötig, man rollt aus oder schaltet in Notfällen einfach runter. Es ist ja auch so: Da man so langsam ist, befinden sich alle anderen hinter einem und nicht vor einem, was freien Blick auf die Alpen gewährleistet und so das Fahrvergnügen deutlich stärkt.

Sehr schön ist die Road King bei kleinen Pausen. Ich werde noch Fotos nachreichen, hoffe ich, aber auf einem Parkplatz macht sie eine unvergleichlich gute Figur, knistert verheissungsvoll vor sich hin. Und, ich bin selbst erstaunt, lässt sich vergleichsweise einfach handhaben und rangieren.

Aber jetzt muss ich zurück. Leider habe ich mich verfahren und kreise nun seit einer Dreiviertelstunde durch die Zürcher Innenstadt. Ich sage ja immer, die Qualitäten eines Motorrads erschliessen sich nach einer Stunde Rushhour, und ich muss sagen, hier schlägt sie sich wacker. Geduldig umrunden wir Block für Block, bleiben stehen, fahren an, immer wieder. Die Kupplung ist herzhaft, aber brauchbar, der Motor überhaupt nicht zickig, nur die Vibrationen sind heftig. Ich denke besorgt an meine Kameraausrüstung und frage mich, ob sie einen Tagesausflug überstehen würde. Mich selbst stören die Vibrationen nicht, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass das ein oder andere Teil daran zerbröselt.

Nach zwei-einhalb Stunden bin ich zurück. Wenn man so sagen könnte: Wir sind Freunde geworden. So etwa nach dem Motto: Tu mir nix und ich tu Dir auch nix und dann haben wir eine gute Zeit, egal was kommt.

Rein rational gesehen, kann die Road King nichts, was ein 250er Roller nicht auch könnte, wenn man mal vom Schow-Effekt absieht. Ganz klar. Eine Tschibo-Uhr zeigt die Zeit genauso genau an wie eine Rolex.

Aber ein Motorrad muss auch ein wenig Phantasie transportieren. Mit einer GS hat man wenigstens das Gefühl, man könnte damit nach Patagonien fahren, auch wenn man es vielleicht nie tun wird. Und mit der Road King?

Mit der Road King an die Loire? Aber ja! Mit der Road King nach Paris? Sicher doch! Mit der Road King durch die Alpen? Gerne, aber bitte zwei Tage einplanen. Mit der Road King nach Portugal oder Sizilien? No Problem.

Ich muss meine Meinung revidieren. Dachte ich bisher, dass eine HD für Zahnärzte wäre, die mal nach Feierabend "Wilden Mann" spielen wollen, muss ich zumindest bei der Road King zugestehen, dass es sich um ein ungewöhnlich zeitgemässes Konzept handelt.

Die Amerikanisierung der Gesellschaft hat auch vor dem Verkehr nicht haltgemacht. Tempolimits und Kontrollen haben dafür gesorgt, dass wir durch die Gegend schleichen wie die Amis, so ist es auch nicht erstaunlich, dass das passende Motorradkonzept von dort importiert wird.

Egal. Am Ende ist immer entscheidend, was übrige bleibt. Das Teil hat was, ist bequem und macht Lust auf mehr. Von welchem Motorrad kann man das heute noch sagen?

Gruss

Stephan



DIESER Beitrag spricht mir komplett aus dem Herzen!
Wer mal die Chance haben sollte, einen grossen Harley-Tourer zu fahren - TUN!

Griass - JvS
...ich denke sowieso mit dem Knie
(Joseph Beuys)

Harald aus den Bergen
Frischling
Beiträge: 36
Registriert: Di 13.12.2005 20:53
Wohnort: Salzburg
Kontaktdaten:

Re: Probefahrt HD Road King Custom

Beitragvon Harald aus den Bergen » Do 16.07.2015 12:27

JvS hat geschrieben:
Stephan hat geschrieben:...Die Amerikanisierung der Gesellschaft hat auch vor dem Verkehr nicht haltgemacht. Tempolimits und Kontrollen haben dafür gesorgt, dass wir durch die Gegend schleichen wie die Amis...

Gruss

Stephan



DIESER Beitrag spricht mir komplett aus dem Herzen!
Wer mal die Chance haben sollte, einen grossen Harley-Tourer zu fahren - TUN!

Griass - JvS

Mir auch, nämlich der zitierte Absatz. Die Schweizer sind da ja schon "weiter", als wir Ösis. Mein Glück.
Aber angesichts des aktuellen Verkehrsaufkommens frage ich mich gelegentlich ernsthaft, wie lange mir das Hobby noch Freude macht. Zwar hatte ich als Junger die Vorstellung, als Alter (also jetzt) mit wallendem Bart auf (m)einem Moto in den Sonnenuntergang zu schurbeln.
Aber mittlerweile sind mir ja eh schon alle Haare abhanden gekommen. Also was solls. Und irgendwann wirds angesichts der schlechter werdenden Reaktionen und Körperbeherrschung ohnehin für mich (und andere) gefährlich. Wie lange das Risiko noch subjektiv vertretbar erscheint, weiß ich auch nicht wirklich.
Vielleicht steig ich auch auf HD um.
Bonne Route, H

derderaufseinenangststreifenstolzist

Benutzeravatar
JvS
Geselle
Beiträge: 366
Registriert: Di 15.07.2003 22:46
Wohnort: am Fuße des Stilfser Jochs
Kontaktdaten:

Beitragvon JvS » Do 16.07.2015 13:16

HD ist ja auch nicht zwingend Synonym für Schleichfahrten. Man kann auch damit noch locker irgendwelche Geschwindigkeitsbegrenzungen einreissen - vor allem in der Schweiz :lol:

Für mich ist es ein herrlicher Kontrast zu den fast minütlich auftretenden Nahtod-Erfahrungen auf z.B. der KTM Duke :wink:

Griass - JvS
...ich denke sowieso mit dem Knie

(Joseph Beuys)

Benutzeravatar
JvS
Geselle
Beiträge: 366
Registriert: Di 15.07.2003 22:46
Wohnort: am Fuße des Stilfser Jochs
Kontaktdaten:

Beitragvon JvS » Do 16.07.2015 14:32

ich zitier mich einfach mal selber (aus dem Ami-Eisen-Forum):

Bin nun doch schon seit einigen Jahren auf allen möglichen Motorrädern unterwegs, u.a. mit Zweitaktern, japanischen Vierzylindern, englischen Dreizylindern, italienischen Zweizylindern und österreichischen Einzylindern.

Jedes Motorrad hatte dabei seinen Reiz. Bis auf die Suzuki LS 650 mit 27 PS - die war einfach zu schwach auf der Brust und hatte ein Fahrwerk zum Davonlaufen. Obwohl sie ein sehr schönes Motorrad war.. Nach 6000 km hab ich sie eingetauscht, gegen eine offene FZR 1000 Exup *bäm*

Hab mich auf Motorrädern grün und blau geärgert (speziell auf den englischen), mir den Sack verbrannt (auch auf den englischen), mir blaue Flecken geholt (eh klar, auf den österreichischen Kampfeisen), die Knie zurechtgeschliffen (viva Italia), Stoppies, Wheelies und Drifts gefeiert (eh klar, auf den österreichischen Kampfeisen) und mich über eingeschlafene Körperteile gewundert (japanische Vielzylinder).

Ab und zu war ich auch gestresst unterwegs. Entweder als Jäger oder als Gejagter. Schneller höher hoch kommen, vor den anderen - oder zumindest nicht als Letzter. Da hat mans auf einer Hypersport-Ducati nicht so leicht, da wollen alle sehen, was man drauf hat *uff*

Irgendwann wurden meine Motorräder leichter - jedes Mal ein bisschen weniger Kilos. Rekord: die KTM LC4 625 SCSM mit knappen 120 kg. Die konnte man zur Not auch das Stilfserjoch hochtragen, wenns zum Fahren nicht mehr gereicht hat..

Und dann kam mein Weib und sagte: "mag nicht mehr auf den Ducati-Höcker klettern und meinen Helm gegen Deinen knallen. Ausserdem ist mir das Ding zu schnell. und zu schräg. Und auf der KTM hab ich sowieso nicht Platz. Wir brauchen ein Motorrad zum gemütlich irgendwo hintuckern, mit Gepäck und Urlaub und so. Such mal was.."

Also fand ich die Road King, verliebte mich auf der Stelle, holte sie im November 2014 nach Hause, deckte sie in der Garage zu und freute mich auf den Frühling. Jetzt eben hab ich ihr knapp 3000 km auf an die 40 Alpenpässen umgehängt, und hab mir mehrmals am Tag gedacht "endlich bin ich angekommen.."

Ja, das Ding ist schwer. Sackschwer. Morgens nach dem Frühstück hatte ich immer wieder Angst, das Ding aus der Garage zu schinden - wenn die umkippt, dann bebt die Erde. Ja, das Ding ist gross. Braucht Platz wie ein Auto, in manchen "Biker-Hotel-Garagen" droht die Gefahr des "ich muss leider draussen bleiben". Auf den Pässen parken ist auch immer so eine Geschichte gewesen.. die KTM Duke wirfst Du einfach irgendwo in ein Eck und holst sie nach der Pinkelpause an einem Lenkerende wieder raus - die Road King muss schon beim Ankommen richtig geparkt werden, weil auf 2800 m Meereshöhe schiebt kein Mensch mehr das Teil rückwärts berghoch auf die Fahrbahn :-)

Aber wenn ich dann im Leder sitze, die Füsse auf massivem Stahl niederlasse, die Arme ausbreite, in massive Metallhebel greife und ins Tal hinunter reite, der V2 unter mir poltert und schüttelt und die Trittbretter mit dem Berg das Lied vom Tod kreischen, dann ist mir der ganze Motorradfahrer-Biker-Stress Schnitzel - dann fühl ich mich lebendiger als auf der Supermoto mit den ganzen permanenten Nahtod-Erfahrungen, dann fühl ich mich ruhiger als auf der Ducati mit dem dauernden Kupplung-Schalten-Gasen-Knieschleifen, und ich bin frei von "nun fahr doch zu"-Vorwürfen der Hintermänner und "wo-bleibst-Du-denn"-Vorwürfen der Vorausfahrer.

Dafür beben am Ende meines Tages meine Eingeweide im Takt des 103ers, in den Ohren rauscht das Bollern aus den beiden Rohren und in der Nase wabert der Geruch von heissem Metal und dem einen oder anderem Ölspritzer auf dem Motorgehäuse.

Einfach geil ;-)

Griass - JvS
...ich denke sowieso mit dem Knie

(Joseph Beuys)

deSaalenner
Lehrling
Beiträge: 132
Registriert: Mo 22.07.2002 12:00
Wohnort: 66xxx Saarland

Beitragvon deSaalenner » Fr 17.07.2015 08:16

keine Frage,

die H-D´s haben etwas!
Man kann wunderbar entschleunigen, aber auch mal etwas flotter fahren. Und der Genuss beim fahren--wie oben schon erwähnt, ist unübertroffen!!
Deshalb habe ich jetzt auch eine Breakout in der Garage stehen!

Grüße aus dem schönsten Bundesland der Welt

Achim
Grüße vom GS Opa

ich wurde geboren ohne es zu wollen,
ich werde sterben ohne es zu wollen.
Lasst mich wenigstens leben, wie ich will

so, die Bella ist weg und dafür einen Cruiser--bin alt geworden :-)

Benutzeravatar
Atemloser
Rennmechaniker
Beiträge: 1228
Registriert: Sa 21.07.2001 12:00
Wohnort: Ja auch
Kontaktdaten:

Beitragvon Atemloser » Fr 17.07.2015 21:06

Jössass :shock:

Ich seh Dich noch mit der Yamaha im Schwarzwald überholen und jetzt sowas :( :roll:

GR
Noch nicht alt genug für eine BähäMWeh oder eine Duck.
Katzen haben Charakter,man erkennt es schon daran, daß es keine Polizeikatzen gibt. :)

deSaalenner
Lehrling
Beiträge: 132
Registriert: Mo 22.07.2002 12:00
Wohnort: 66xxx Saarland

Beitragvon deSaalenner » Sa 18.07.2015 09:37

tja, das Alter :-)

Aber mit der Kuh kannn man auch sehr schön überholen und stellt sich dann die Augen des Überholten auf seiner Rennsemmel vor :-)

passiert aber nicht mehr so oft...
Grüße vom GS Opa



ich wurde geboren ohne es zu wollen,

ich werde sterben ohne es zu wollen.

Lasst mich wenigstens leben, wie ich will



so, die Bella ist weg und dafür einen Cruiser--bin alt geworden :-)


Zurück zu „Harley-Davidson und Buell“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast